Immer schön klagen Na, wie geht's? Schwere Woche gehabt? Vollkommen ausgepowert? Verstehe. Ich weiß auch nicht mehr, wo mir der Kopf steht.
Nie würde ich etwas anderes behaupten. Es gehört nämlich zu den Gesetzen der Leistungsgesellschaft, dass das Ansehen mit den Belastungen wächst. Wir alle klagen über ein prinzipiell unzumutbares und doch tapfer bewältigtes Arbeitspensum, als gebe es nichts Peinlicheres als einen locker vertrödelten Tag. Keiner würde jemals zugeben, im Büro gedöst oder geschwatzt zu haben. Selbst wenn wir uns am Samstagabend mit engen Freunden beim Italiener verabreden, bleibt das rituelle Klagen nicht aus. Zum ersten Prosecco gibt es ein großes kollektives Seufzen: „Prost! Puh!“ Dann überbieten wir uns gegenseitig in der Beschwörung unseres Leidens: Wieder 60 Wochenstunden gearbeitet, ja, es wird immer schlimmer, und natürlich muss man morgen, am Sonntag, auch mal kurz ins Geschäft. Und gleich noch, nach dem Essen, wird man des Nachts seine Mails checken. Sollte freie Zeit nicht zu vermeiden sein, wird sie selbstverständlich sinnvoll genutzt – vorzugsweise für die Fitness: „Heute schon um sechs Uhr durch den Wald gejoggt, herrlich, diese Frische!“ Akzeptiert wird auch Werken im Eigenheim, der trutzigen Kleinburg des Bürgers („Klar verlege ich die Fliesen selbst.“) oder allenfalls die kulturell wertvolle Lektüre eines guten Buches („Na, was hältst du von dem neuen Walser?“). Dem blöden Zufall überlassen wir uns nur im Entspannungsteil unseres Yoga-Abends („Alle Gedanken dürfen kommen und gehen...“). Ja, sind wir denn noch zu retten? Fürs nächste Wochenende verschreibe ich mir eine Sofa-Kur mit Frauenzeitschriften. Oder, halt, es darf auch Friedrich Nietzsches „Fröhliche Wissenschaft“ sein. Bevor er vollends verrückt wurde, sah der Philosoph in den 1880er-Jahren den normalen Irrsinn nahen: „Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite“, schrieb er: „Der Hang zur Freude... fängt an, sich vor sich selber zu schämen. Man ist es seiner Gesundheit schuldig – so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja, es könnte bald so weit kommen, dass man einem Hange zur vita contemplativa (das heisst zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe.“ Na, wie geht's? Vielleicht sollten wir mal sagen: Ja prima, wenig Arbeit gehabt, viel gelacht, der Chef hat Pflaumenkuchen spendiert, alle waren nett zueinander, mir geht's gut.
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