Gegen die Auswirkungen der demografischen Entwicklung ist kein Kraut gewachsen. Wohl aber gegen die Folgen, die das Überaltern der Bevölkerung mit sich bringt. Unternehmen finden die richtigen Antworten auf brennende Fragen unserer Zeit.
Von Christine King
ist wie immer. Es wird geforscht und analysiert, denn gesellschaftliche Phänomene kündigen sich schließlich über viele Jahre oder Jahrzehnte hinweg an und lassen sich wunderbar vorhersagen. Doch wenn das Phänomen dann eingetreten ist, herrscht trotzdem allerorten Überraschung und Entsetzen. Was hätte man nicht alles tun können, sollen, müssen, um jetzt nicht so dazustehen? Mit dem demografischen Wandel, also den Entwicklungen der Bevölkerungsstruktur, verhält es sich gleich. Die Tatsachen sprechen für sich: Im Schnitt bringt jede deutsche Frau nur 1,4 Kinder zur Welt. Und das schon seit 30 Jahren, Veränderungen sind nicht in Sicht. Also werden wir weniger und außerdem auch noch älter, denn die Lebenserwartung steigt fast jährlich.
Wie aber wird politisch und wirtschaftlich ganz konkret reagiert auf die Tatsache, dass unsere Bevölkerung schrumpft, dass wir in zehn Jahren nur noch 79 Millionen Deutsche sein weden und diese 79 Millionen im Schnitt acht Jahre älter sein werden als heute?
Schlagworte wie „überalternde Gesellschaft“, „zunehmender Fachkräftemangel“ und „abnehmende soziale Sicherung“ geistern durch die Medien. Aber nicht nur auf bundesweiter Ebene wird debattiert über das Phänomen, das sich nicht ändern lässt. Auch auf kommunaler Ebene sind viele Politiker, Gemeinderäte und städtische Beamte mit Themen wie medizinische Versorgung und Entwicklung der Schullandschaft beschäftigt. Sinkende Schülerzahlen führen im ganzen Land zu Schulschließungen und -zusammenlegungen, Folgeprobleme wie die Schwächung von ohnehin schon strukturschwachen Landgemeinden oder die Nutzung von leer stehenden Gebäuden inklusive. Sportvereine, Pflegeheime, Kindergärten – kaum ein kommunales Thema, das nicht von den Entwicklungen der Bevölkerungsstruktur betroffen ist. Da machen Angebote von Organisationen wie der Bertelsmannstiftung durchaus Sinn. In „Demografie-Workshops für Kommunen“ werden Städte und Gemeinden für die Zukunft fit gemacht.
Manche Städte sind schon lange hellwach. Im Ulmer Raum haben sich zum Beispiel bereits vor dreizehn Jahren die Städte Ulm, Neu-Ulm, die Landkreise und die IHK zur Innovationsregion Ulm zusammengeschlossen. 82 Mitglieder, darunter Kommunen, Vereine und Firmen, profitieren vom Zusammenschluss, sind auf einer Internetseite verlinkt, schalten Werbungen gemeinsam und werden auf freie Bauplätze im Gewerbegebiet, Vorträge oder sonstige wichtige Termine aufmerksam gemacht. Monika Lott von der Innovationsregion ist sich sicher, „dass mit diesem Zusammenschluss eine bessere Regional- und Standortvermarktung möglich ist“.
Auch die Gesundheitspolitik spielt beim Thema Demografie eine wichtige Rolle, 15längst nicht nur im Bereich der Pflege. In Oberschwaben etwa wird seit Monaten um die Zukunft Krankenhäuser gestritten – wieder einmal. Die Oberschwabenklinik (OSK) mit Sitz in Ravensburg versucht verzweifelt, kleinere Häuser in Allgäustädten wie Leutkirch oder Isny profitabel zu machen, um die Gesundheitsversorgung langfristig zu sichern. Bürgerinitiativen formieren sich, der Landrat ist bei Podiumsdiskussionen ein gefragter Gast und hat alle Mühe, die Vermittlerrolle zwischen Wirtschaft und Volk souverän zu meistern.
Und natürlich ist auch auf einem sich verändernden Arbeitsmarkt das Thema Gesundheit aktuell. Älter muss nämlich nicht schlechter und zwangsläufig langsamer heißen. Das Institut für Leistung, Arbeit und Gesundheit (ILAG) weist darauf hin, dass „wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass ältere Arbeitnehmer nicht generell weniger leistungsfähig, innovativ, kreativ und belastbar sind als jüngere. Häufig sind die Unterschiede in den Arbeitsleistungen zwischen den Mitgliedern einer Altersgruppe weitaus größer als diejenigen zwischen den verschiedenen Altersgruppen.
Gesundheit ist dabei die Basis von Leistungsfähigkeit.“ Daraus leiten nicht nur Prominente wie der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise „die Bereitschaft zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit“ ab, sondern in besonderem Maß auch „den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit älterer Menschen, was nur mit berufsbegleitender Weiterbildung gelingen kann.“ Allein im vergangenen Jahr standen laut Statistischem Bundesamt fast neun Prozent der 65- bis 69-Jährigen in einem Arbeitsverhältnis, Tendenz steigend.
Müssen Firmen jetzt also in Fitnessräume investieren und ihre Mitarbeiter zu „Sport ab 50“-Kursen anmelden? Schaden kann es nichts, meinen Experten, und auch auf dem Weiterbildungssektor muss ihrer Meinung nach mehr passieren. Wer hier investiert, und eine sogenannte „altersrobuste Betriebsstruktur“ aufweisen kann, hat Vorteile. Auch bei den Fachkräften, die sich zukünftig ihre Stellen genau nach diesen Gesichtspunkten aussuchen werden.
Doch wie verändert sich der Arbeitsmarkt, wie müssen Unternehmen auf die schrumpfende Bevölkerung reagieren? Für das Jahr 2020 sagen Experten voraus, dass bereits mehr als 40 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland zwischen 55 und 64 Jahre alt sein werden. Die Prognosen für 2050 sind noch extremer: Die Zahl der Personen, die im heute üblichen Erwerbsalter zwischen 20 und 60 Jahren sind, wird bis 2050 um mehr als ein Fünftel zurückgehen, die der unter 20-Jährigen sogar um 30 Prozent. Gleichzeitig steigt der Anteil der über 60-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von heute 25 auf dann 37 Prozent.
Wie ganz individuell reagiert wird, zeigt eine Studie des Stuttgarter Technologiekonzerns Bosch. Dort wurde zum Beispiel schon vor elf Jahren eine Tochtergesellschaft für ehemalige Mitarbeiter aus allen Bereichen gegründet. Rund 900 Ruheständler im Alter zwischen 60 und 75 Jahren sind inzwischen registriert.
Sie springen immer dann ein, wenn Bedarf ist – auch im Ausland. Für Bosch ist das vor allem billiger, als sich über ausgelagerte Firmen Ersatz zu holen.
Steffen Kröhnert, Bevölkerungswissenschaftler am Berlin-Institut, denkt unkompliziert und bietet genau drei Vorschläge an, wie die negativen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft gemildert werden können. Zum einen nennt er die längere Lebensarbeitszeit, zum zweiten muss sich Deutschland seiner Meinung nach auf qualifizierte Migranten konzentrieren, die den Fachkräftemangel reduzieren können, und zum dritten setzt er auf eine höhere Erwerbstätigenquote von Frauen. Deshalb brauche Deutschland eine moderne Familienpolitik. Vergleiche mit anderen westeuropäischen Ländern würden zeigen, „dass sich höhere Kinderzahlen weniger durch hohes Kindergeld, sondern vielmehr durch Investitionen erreichen lassen, welche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Partner ermöglichen: durch Kinderkrippen, Kindergärten, Ganztagsschulen, aber auch durch steuerliche Förderung der Dienste von Tagesmüttern oder Haushaltshilfen.“
Projekte wie „FitproFam“ der Baden-Württemberg Stiftung scheinen genau in diese Kerbe zu schlagen. Denn hier wird die richtige Hilfe angeboten, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. 32 Unternehmen aus der Region, darunter Firmen wie Gardena aus Ulm oder die Ravensburger AG, konnten sich unlängst qualifizieren lassen. Die Inhalte von „FitProFam“ reichten von Steuertipps für die Unterstützung von familienfreundlichen Maßnahmen über diverse Formen der Arbeitszeitflexibilisierung bis zu Exkursionen mit fachlichem Austausch. Die Konzeption und Umsetzung dieses Projektes wurde von der Kontaktstelle „Frau und Beruf“ bei der Wirtschafts- und Innovationsförderungsgesellschaft des Landkreises Ravensburg, übernommen. Mit Hilfe von „FitproFam“ wurden zum Beispiel betriebliche Kinderbetreuungen durchgesetzt sowie Erleichterungen für Männer geschaffen, in Erziehungsurlaub zu gehen.
Die Bad Waldseer Firma Baby-Walz zum Beispiel hat für zwei Mitarbeiterinnen ein Knirpszimmer eingerichtet, andere bieten mit anderen Firmen gemeinsam eine Ferienbetreuung an. Beim Schleiftechnikproduzenten Schnarrenberger aus Vöhringen lag der Nutzen laut Prokuristin Pia Schnarrenberger dann auch „mehr im Erfahrungsaustausch mit den Personalchefs und –chefinnen, der uns gezeigt hat, was es bei anderen in diesem Bereich alles gibt“.
Trotz vieler sichtbarer Erfolge passen immer noch zu viele Unternehmen ihr Verhalten der Devise „abwarten und Tee trinken“ an. Das „weiche“ Thema Demografie wird in den Vorstandsetagen oft missachtet, weil es sich schlecht in Kosten-Nutzen-Analysen integrieren lässt. Auch die Belegschaften bringen das Thema „Demografie“ allzu häufig mit Sozialabbau, Arbeitszeitverlängerung und Lohnminderung in Verbindung.
Ganz falsch, wie Arbeitsmarkt-Experten sagen. Denn ihrer Ansicht nach kann man viel tun, und zwar jetzt schon, und nicht erst 2020 oder noch später, wenn der demografische Wandel seine wirklich gefährlichen Seiten zeigen wird. Momentan scheint in vielen Betrieben noch alles in Ordnung zu sein. Die gestauchte Alterspyramide, also der Überhang an Mittelalten, ist für viele Betriebe geradezu nützlich. Somit besteht scheinbar keine akute Handlungsnotwendigkeit. Warum sollen Betriebe vorausschauend aktiv werden? Wenn konkrete Handlungsfelder wie Weiterbildung, Personalentwicklung, Gesundheitsschutz betrachtet werden, sieht es oft anders aus. Personalpolitische Fehlentwicklungen und Risiken lassen sich ganz klar erkennen. Wer Lösungen für die Zukunft sucht, kann sie durchaus finden. Und wer seinen Status Quo in puncto Demografie überprüfen lassen möchte, kann sich ans Bundesministerium für Arbeit und Soziales wenden. Die Checkliste „Ist Ihr Betrieb demografiefest?“ klärt auf.
Viele Firmen reagieren inzwischen. Mit Kinderbetreuungsangeboten oder Alterszeitregelungen, wie etwa der Bundesarbeitgeberverband Chemie e.V. (BAVC) und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Sie haben bereits 2008 den Tarifvertrag „Lebensarbeitszeit und Demografie“ abgeschlossen, in dem der alternden Belegschaft Rechnung getragen wird. Dabei werden Punkte wie gleitender Übergang in den Ruhestand, Langzeitkonto oder Teilrente tariflich geregelt. Andere Firmen setzen auf die Weiterbildung, Stärkung der Gesundheit oder unterstützen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Eine Kombination von allem wäre ideal und müsste, wenn die Menschen denn länger gesund leben, länger arbeiten und auch noch mehr Frauen ins Erwerbsleben einsteigen, den Arbeitskräftemangel reduzieren können. Meinen zumindest viele Experten. Und die sozialen Sicherungssysteme könnten weiter funktionieren, vielleicht auf einem anderen Niveau, aber der große Rahmen wäre stabil. Irgendwann einmal. Schön wär’s, wenn sich diese Stabilität noch vor dem Horrorjahr 2050 einstellen würde. Auf jeden Fall werden diejenigen, die sich an „abwarten und Tee trinken“ halten, dann überrascht sein, wenn alles so gekommen ist, wie es vorhergesagt war.