Die Politik mag in Kopenhagen versagt haben.
Der Wunsch nach energetischer Erneuerung lässt sich dadurch aber nicht aufhalten.
Von Raimund Haser
Dieser Winter war kalt. Abgesehen davon, dass uns das eine Menge Ärger beschert und hohe Kosten verursacht hat, ist ein kalter Winter mitten in der Energie-Wende auch ein schwierig zu deutendes Signal. Eben noch – im Dezember – hat die Welt in Kopenhagen um verbindliche CO2-Ziele gerungen, eben noch schien die Welt am Abgrund zu stehen, weil sich die Industriestaaten – allen voran die USA und die aufstrebenden Schwellenländer – gegen allzu harte Sanktionen gegen die Klimaerwärmung gewehrt haben. Und jetzt? Nach Monaten eisiger Kälte sind wir konfrontiert mit zwei „normalen“ Wintern am Stück, über die nicht nur die Sportartikelindustrie und die Liftbetreiber jubeln, sondern auch so manch reaktionärer Republikaner im amerikanischen Senat, von denen einer jüngst im Fernsehen zu einem Abgeordneten der Demokraten sagte: „Wir haben es immer gesagt: Den Klimawandel gibt es nicht. Ihr habt verloren, wir haben gewonnen, so einfach ist das.“
Ist es das wirklich? Winter und Kopenhagen hin oder her – selbst wenn es jüngst beim Klima nach Aussagen namhafter Forscher zu Schwankungen gekommen ist, gilt der langfristige Trend als ungebrochen: das Thermometer steigt. Umso unverständlicher sind die Geschichten, die aus den Kopenhagener Verhandlungsrunden an die Öffentlichkeit gelangt sind. Wie die Korrespondenten der „Welt“ berichten, ist zum Beispiel der chinesische Regierungschef Wen Jiabao erst nach langem Ringen dazu bereit gewesen, gemeinsam mit seinen neuen Verbündeten Jacob Zuma (Südafrika) und Mammohan Singh (Indien) im Gespräch mit US-Präsident Barack Obama einem Minimalkompromiss zuzustimmen. „Sind Sie jetzt bereit? Herr Premier, sind Sie bereit mit mir zu reden?“, soll Obama Wen zugerufen haben – was für ein Auftritt für den vermeintlich stärksten Politiker der Welt.
Was herausgekommen ist, ist eben jener Minimalkompromiss, den Obama als „Kopenhagen Akkord“ bezeichnet hat und auf den sich die anderen Delegationen nicht einigen konnten. Ansonsten gab es vor allem eins: Vertagungen. Und Skepsis, denn die offensichtlichen Fehler im UN-Klimabericht 2007 und die Affäre um getürkte Daten zur Erderwärmung, die kurz vor der Konferenz bekannt wurden, haben ein schlechtes Licht auf den Weltklimarat und auf die Klimaforschung allgemein geworfen. Berühmte Forscher fordern deshalb Konsequenzen: Hartmut Graßl, ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, drängte den Weltklimarats-Vorsitzenden Rajendra Pachauri in einem Interview zum Rücktritt. „Wenn Pachauri im Amt bleibt, bekommen wir eine Hängepartie, die dem Klimarat schadet“, sagte Graßl der „Frankfurter Rundschau“. Auch Hans von Storch vom GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht nannte Pachauri eine „Belastung“.
Wissenschaftler sind keine Ersatzpolitiker
Ottmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, geht noch weiter. Das Problem sei, so schrieb er in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, dass sich die Wissenschaft auf die Politik eingelassen habe. „Wissenschaftler sind keine Ersatzpolitiker“, schreibt Edenhofer, „Oft genug wird aber die Wissenschaft durch die Politik in diese Rolle gedrängt. Denn gerade Politiker pflegen ihre Entscheidungen gerne mit Sachzwängen zu legitimieren. Diese Nachfrage ... darf die Wissenschaft nicht befriedigen, wenn sie glaubwürdig bleiben will.“ In der Forschung gebe es viele Fragezeichen, und die müsse man immer berücksichtigen. Zu sagen: Die Welt ändert sich auf diese Art und Weise und deshalb müssen wir so handeln, sei nicht die Sache der Wissenschaft.
Trotz aller Fragezeichen konnte die politisch gescheiterte Konferenz von Kopenhagen die Haltung der Europäer und insbesondere der Deutschen in Sachen Klima aber nicht erschüttern. Und selbst wenn die Politik – wie jüngst geschehen – hierzulande wieder über längere Laufzeiten für Kernkraftwerke streitet, so bleibt wenigstens die Wirtschaft auf Kurs. Denn, und auch das gehört zu der Bilanz des Klima-Jahres 2009, die Unternehmen haben sich längst entschieden, den ökologischen Wandel zu gestalten. Da kann die Politik machen, was sie will. Inzwischen ist es nicht mehr nur die Ideologie, die Manager großer Energiekonzerne dazu veranlasst, in ökologisch orientierte Kraftwerke zu investieren. Sie versprechen sich auch eine Menge Geld davon. Auch neutrale Studien belegen inzwischen, dass Volkswirtschaften, die ihre Wirtschaft ökologisch ausrichten, künftig schneller wachsen werden als andere.
Strom aus der Wüste
Bestes Beispiel für das „grüne Geschäft“ ist das Projekt „Desertec“: Strom aus der Sahara – zur Verwirklichung dieses Traums haben sich eben nicht Greenpeace und das Umweltbundesamt, sondern die Energie-Größen Eon, RWE und so renditeorientierte Unternehmen wie Siemens oder die Deutsche Bank zusammengeschlossen. Sähen sie keinen Profit, würden sie das nicht tun. Apropos Siemens: Der Konzern erwirtschaftet inzwischen einen Drittel seinen Umsatzes mit „grünen Produkten und Lösungen“. Im vergangenen Jahr ist sogar der erklärte Atomkraft-Gegner Joschka Fischer in den Kreis der Siemens-Berater aufgestiegen. Der Mann, der einst für die grüne Welle stand wie kein zweiter ist heute Berater in einem Konzern, der noch vor wenigen Jahren für sein Engagement in der Kernkraft ganz oben auf der „Umweltsünder“-Liste gestanden hatte!
Auch regionale Beispiele lassen sich hier nennen. Der Ulmer Versorger SWU plant zum Beispiel eine Holz-Verschwelungsanlage und investiert in die Wasserkraft, die EnBW baut ihr regeneratives Portfolio kontinuierlich aus, und auch die Regionalwerke TWS und TWF in Ravensburg und Friedrichshafen stecken ihr Geld in moderne, CO2-neutrale Kraftwerke oder kümmern sich um das Thema Energieeffizienz.
Natürlich dauert so ein Wandel Zeit. Die Journalistin Alexandra Borchardt beschreibt im Jahreswechsel-Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ die dritte industrielle Revolution, die unter anderem von dem amerikanischen Ökonom und Soziologen Jeremy Rifkin propagiert wird, als einen Prozess über viele Jahre hinweg. Während in der ersten industriellen Revolution Kohle und die Dampfmaschine die Agrargesellschaft abgelöst hatten, bildeten Öl und Verbrennungsmotoren den Stoff für die zweite. Die dritte soll nun die der erneuerbaren Energien sein. Sie soll die Wirtschaft laut Rifkin zum „selbsttragenden Wachstum“ und die Haushalte zu Produzenten ihrer eigenen Energie machen. „Der Zugang zu Energie wird ein unabdingbares soziales Recht im Zeitalter der dritten industriellen Revolution.“
Große Worte, die vereinzelt aber schon wahr geworden sind. Denn wer derzeit über Land fährt, entdeckt kaum mehr ein Gehöft, ein Firmendach oder eine Wohnsiedlung, wo nicht per Photovoltaik-Strom der „dritten industriellen Revolution“ produziert wird. Der Siegeszug gerade der Photovoltaik in unserer Region ist indes das Ergebnis mehrer Faktoren. Zum einen scheint die Sonne gerade in höheren Lagen im Südwesten öfter und länger als anderswo. Josef Hodrus, Sprecher der Volks- und Raiffeisenbanken in der Region Sigmaringen, Ravensburg, Bodensee und Vorstand der Volksbank Allgäu-West eG, beobachtet die Stromlieferungen der Photovoltaik-Kunden seiner Bank ganz genau und weiß: Die Erwartungen werden stets übertroffen. „Durch die vielen Sonnenstunden amortisieren sich die Anlagen in unserer Region schneller als anderswo.“
Ein weiterer Grund, weshalb die erneuerbaren Energien in Deutschland und verstärkt im Süden Baden-Württembergs so gut ankommen, ist natürlich das Erneuerbare Energien Gesetz, das die Stromkonzerne dazu zwingt, Strom aus Wind-, Solar-, Wasser- und aus biologischen Anlagen zu einem garantierten Festpreis anzunehmen. Was zunächst heftig umstritten das EEG zu großen Teilen übernommen. Allerdings erfasst das EEG nur die Stromproduktion. Die Energieeffizienz – egal ob im eigenen Haus, in der Fabrikhalle oder im Bürogebäude – wird über andere Förderprogramme, zum Beispiel der L-Bank, abgedeckt.
Gebäudemanagement überzeugt
In vielen Fällen bräuchte es aber gar keine Förderung, denn die Argumente für gut isolierte Gebäude, energiesparende Anlagen, die Nutzung von Abwärme oder für den Einsatz neuer Technologien – zusammengefasst auch Gebäudemanagement genannt – überzeugt allein schon der Kosten wegen. Während diese Weisheit im Industriebereich längst angekommen ist, tun sich Häuslebauer und -besitzer wegen des hohen finanziellen Aufwands mitunter immer noch schwer. Um sie zum Umdenken und Umbauen zu bewegen, werden auch weiterhin öffentliche Mittel notwendig sein, von denen auch die Wirtschaft – allen voran das Handwerk – profitieren kann. Ein Beispiel dafür ist das Programm „Energie clever nutzen!“, das Umweltministerin Tanja Gönner und Sparkassenpräsident Peter Schneider im Januar in Stuttgart vorgestellt haben. Hintergrund der Kampagne ist die seit Jahresbeginn geltende gesetzliche Vorgabe, beim Austausch einer Heizungsanlage die Wärmeversorgung anteilig auf erneuerbare Energien umzustellen. Heizung und Warmwasserbereitung müssen demnach künftig zu mindestens zehn Prozent aus regenerativen Quellen gewonnen werden. Alternativ kann auch über Wärmedämmung Energie eingespart werden.
1,5 Milliarden Euro für den Südwesten
Das Problem: Rund 70 Prozent der Gebäude in Baden-Württemberg wurden vor 1978 und damit ohne jegliche Vorgaben zur Wärmedämmung erbaut. Knapp 30 Prozent des CO2-Ausstoßes gehen in Baden-Württemberg auf das Konto Heizen und Warmwasserbereitung von Gebäuden. Zwar nimmt Baden-Württemberg bei der energetischen Modernisierung von Wohngebäuden im bundesweiten Vergleich einen vorderen Platz ein. Im vergangenen Jahr ist etwa jeder sechste Euro, der über die Kreditanstalt für Wiederaufbau abgewickelten staatlichen Förderprogramme und damit rund 1,5 Milliarden Euro in den Südwesten geflossen. Trotzdem entspricht das gerade einmal zwei Prozent der Gebäude, die jährlich energetisch auf den neuesten Stand gebracht werden.
Um diesen Investitionsstau zu lösen, braucht es natürlich nicht nur Förderprogramme, sondern vor allem auch den Willen der Bürger, in Sachen Energie einen breiten Konsens mitzutragen. Die Querelen um den Weltklimarat und Konferenzen wie die in Kopenhagen sind in dieser Diskussion zwar nicht gerade förderlich. Glücklicherweise scheinen sie aber die allgemeine Bewegung nicht aufhalten zu können. Die Bürger sind eben manchmal doch intelligenter, als die Politik es ihnen zutraut.